Eine 130-Milliarden-Dollar-Ambition und die Hürden, die es schnell zu überwinden gilt
Die Grenzen des alten Modells
Auf dem Vietnam-Wirtschaftsforum 2026 rissen die Kamera-Blitzlichter nicht ab, als eine neue Vision für die wirtschaftliche Zukunft Vietnams skizziert wurde. Vorbei sind die Zeiten billiger Textilien oder einfacher Elektronikmontage; politische Entscheidungsträger und die Tech-Elite fokussieren sich nun auf ein ehrgeiziges Ziel: Künstliche Intelligenz zur zentralen Produktionsinfrastruktur des Landes zu machen.
Diese Begeisterung ist nicht unbegründet. Laut dem Bericht „Vietnam AI Economy 2025“ soll KI bis 2040 bis zu 130 Milliarden Dollar zum vietnamesischen BIP beitragen. Darüber hinaus setzt eine neue strategische Initiative namens „AI-X“ noch höhere Ziele: einen Beitrag von 150 bis 250 Milliarden Dollar bis 2045.
Doch hinter diesen beeindruckenden Zahlen verbirgt sich eine chaotische Realität in Sachen Infrastruktur und Personal – was die entscheidende Frage aufwirft: Wird dies ein echter Wachstumsmotor oder nur ein weiteres technologisches Fieber sein, das in Vergessenheit gerät?
Die vietnamesische Wirtschaft hat lange von billigen Arbeitskräften und Rohstoffausbeutung profitiert. Aber dieses goldene Fenster schließt sich allmählich. Die Arbeitskosten steigen, während die Produktivität bescheiden bleibt – nur 7,6 % des Niveaus von Singapur und weniger als die Hälfte von Thailand.
„Die Welt erlebt Durchbrüche in Ländern, die die technologische Welle nutzen, während Volkswirtschaften, die sich nur langsam anpassen, Gefahr laufen, weit zurückzufallen. Die Wahl eines Entwicklungsmodells, das auf Wissenschaft und Technologie basiert, ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit“, wurde eine deutliche Warnung ausgesprochen.

Dieser Wandel erfordert neues Denken. Statt KI als isoliertes Hilfsmittel zu betrachten, schlagen Experten vor, Daten als neuen „Produktionsfaktor“ zu sehen – und KI als den „Motor“, der diesen Rohstoff in Mehrwert verwandelt.
Technologie-Inseln
Es mangelt Vietnam nicht an Lichtblicken. Konzerne wie FPT, Viettel und Vingroup bauen Forschungs- und Entwicklungszentren auf und kündigen international beachtete Forschung an. Mit über 765 KI-Startups liegt Vietnam in Südostasien bei der Anzahl der Startups in diesem Bereich auf Platz zwei – nur hinter Singapur.
Doch diese erfolgreichen Inseln haben noch kein nachhaltiges Ökosystem gebildet. Der größte Engpass liegt in den Humanressourcen. Jährlich schließen in Vietnam 60.000 IT-Ingenieure ihr Studium ab, aber nur etwa 300 gelten als echte KI-Experten. Zudem zwingt der Mangel an eigener Supercomputing-Infrastruktur Unternehmen dazu, teure Dienste von AWS oder Google Cloud zu mieten.
„Wir müssen uns von einer Datenwirtschaft zu einer KI-Wirtschaft weiterentwickeln. KI muss zur zentralen Produktionsinfrastruktur werden – ähnlich wie Strom in der Industrie- oder das Internet in der digitalen Wirtschaft“, hieß es in einer Bewertung des vorgeschlagenen AI-X-Strategierahmens, der acht Säulen und 50 Maßnahmen umfasst.

Sandbox oder Hindernis?
Während Singapur bereits seit 2019 einen KI-Governance-Rahmen hat, befindet sich das vietnamesische Rechtssystem noch in der „Fertigstellungsphase“. Das Dekret zum Schutz personenbezogener Daten gibt Nutzern das Recht, zu kontrollieren, zu entscheiden und von digitalen Plattformen wie Zalo, Facebook, digitalen Banken oder E-Commerce-Plattformen Transparenz bei der Erhebung, Nutzung und dem Schutz von Daten zu verlangen.
Das Fehlen eines klaren „Sandbox“-Mechanismus (eines geschützten Testrahmens) führt jedoch dazu, dass viele KI-Startups im Gesundheitswesen oder Finanzbereich vor langwierigen Genehmigungsverfahren zurückschrecken. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2024 hatten nur etwa 12 % der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) jemals eine KI-Anwendung getestet; die Erfolgsquote nach einem Jahr lag unter 5 %. Diese Zahl steht in krassem Gegensatz zu den über 50 % in Singapur, wo der Staat KMU bei der Technologieeinführung direkt bezuschusst.
Die Technologiegeschichte hat gezeigt, dass jeder Innovationszyklus nur wenige Jahre dauert. Wenn Vietnam keine Autonomie bei Daten und Algorithmen erreicht, wird es weiterhin in das alte Szenario verfallen: ein Verbrauchermarkt zu sein, der von importierter Technologie abhängig ist. Die Zahlen von 130 Milliarden oder 250 Milliarden Dollar werden Wunschträume bleiben – ohne entschlossenes Handeln. Dazu gehören der Ausbau des Sandbox-Ansatzes, die Verabschiedung des Gesetzes zum Schutz personenbezogener Daten und massive Investitionen in Bildung und Infrastruktur.