Ministerpräsident Abiy Ahmed hat ein grundlegendes Umdenken bei Friedensaufbau und Konfliktlösung in Äthiopien gefordert. Als Hauptgründe für den anhaltenden Friedensmangel im Land nannte er eine fortwährende Abhängigkeit von Gewalt, eine Kultur des Verrats und externe Ängste vor dem Wachstum Äthiopiens.
In seiner Ansprache vor dem Volksrepräsentantenhaus erklärte er, dass Äthiopier historisch daran gewöhnt seien, Differenzen eher mit Gewalt als durch Dialog zu lösen – eine Praxis, die einen dauerhaften Frieden und nationalen Zusammenhalt verhindere.
Er führte aus, dass diese Konfrontationskultur tief verwurzelt sei, oft bereits in der Familie beginne und breiteres politisches sowie soziales Verhalten präge, das sich später in Konflikten äußere.
Nachhaltiger Frieden erfordere daher einen Wandel der politischen Kultur und sozialen Normen, bei dem Dialog, Vertrauen und gegenseitiges Verständnis über Zwang und Spaltung gestellt werden müssten.
Die Äußerungen des Premierministers erfolgen vor dem Hintergrund laufender nationaler Bemühungen, Versöhnung zu fördern und institutionelle Mechanismen für dauerhaften Frieden und Stabilität im ganzen Land zu stärken.
Zum historischen nationalen Dialog sagte Abiy Ahmed, die gegenwärtige Generation müsse das Land durch Dialog aufbauen und gestalten. Aus dieser Perspektive habe die Nationale Dialogkommission zentrale Themen identifiziert und leiste bemerkenswerte Arbeit.
„In der nächsten Phase wird die Kommission voraussichtlich ein breites Spektrum an Teilnehmern in vertiefte Diskussionen zu diesen Themen einbeziehen und darauf basierende Ideen vorlegen. Der Prozess hat bisher gezeigt, dass Äthiopier enge gemeinsame Interessen und Bestrebungen teilen“, so der Premierminister.
In Bezug auf die diesjährigen Wahlen bekräftigte er, dass die Regierung intensiv daran arbeite, friedliche, faire und inklusive Wahlen zu gewährleisten. „Zur Wahl sage ich dem äthiopischen Volk: Lasst uns sie an den Ergebnissen messen. Ich kann mit Zuversicht versichern, dass dieses Parlament eine Plattform sein wird, auf der vielfältige Stimmen auf verschiedene Weise gehört werden.“ Er äußerte zudem die Hoffnung, dass die Wahlen friedlich verlaufen und die teilnehmenden Kräfte davon profitieren würden.
In seiner Parlamentsrede betonte der Premierminister auch die Notwendigkeit, dass die Menschen in Tigray zu aktiven Akteuren auf der politischen Bühne werden müssen, und bekräftigte ihren Wunsch nach Frieden und Entwicklung. „Sie sind ein friedliebendes Volk, das seine derzeitigen Schwierigkeiten überwinden, hart arbeiten und sein Leben aus eigener Kraft verändern möchte. Sie wünschen sich auch, mit ihren äthiopischen Brüdern zusammenzuarbeiten und in Kooperation zu wachsen.“
Allerdings, so Abiy Ahmed, seien die Menschen in Tigray bisher nicht als aktive Spieler, sondern lediglich als Bühne aufgetreten, auf der andere ihre Rollen spielten. „Eine Bühne ist jedoch kein Ort, an dem andere agieren, sondern ein Ort, an dem sich niemand bewegt. Daher müssen die Menschen in Tigray zu unabhängigen Akteuren werden. Dafür muss die politische Denkweise sich ändern. Auch die Politiker in Tigray müssen von einer Neben- in eine Führungsrolle wechseln.“
Zur Lage in der Region am Horn von Afrika sagte Abiy Ahmed, die Region sei zusammengebunden worden, um ihr Auseinanderbrechen zu verhindern, und geflickt, um ihren Kollaps abzuwenden. Trotz der engen kulturellen und sprachlichen Verbindungen ihrer Völker sei sie auch eine Region scharfer Rivalitäten und externer Interventionen. „Das Thema der gemeinsamen Wasserressourcen hat die Dinge verkompliziert, externe Parteien in unsere inneren Angelegenheiten gezogen und das, was gegenseitige Unterstützung hätte sein sollen, zu einer Konfliktquelle gemacht.“
„Aus diesem Grund steht die Region vor eigenen Herausforderungen, und es werden große Anstrengungen unternommen, sie anzugehen und zu lösen. Ich bin zuversichtlich, dass diese Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden“, schloss der Premierminister.