2026: Ein Wendepunkt für das Wachstumsmodell
Das Jahr 2026 markiert einen Wendepunkt in der Transformation des Wachstumsmodells. Die Forderung nach hohem Wachstum muss zwingend mit einer Verbesserung der Qualität und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft einhergehen.
Da sich das auf Auftragsfertigung, billige Arbeitskräfte und breit angelegte FDI-Akquise gestützte Politikmodell deutlich erschöpft hat, muss die „Make in Vietnam“-Strategie zu einer strategischen Wahl werden. Sie soll die Position der vietnamesischen Produktion in der globalen Wertschöpfungskette festigen.
In der Ausrichtung bedeutet „Make in Vietnam“ einen Wandel von „Made in Vietnam“ – das vor allem auf Auftragsfertigung und ausländische Direktinvestitionen setzt – hin zu einer Phase, in der Vietnam Design, Technologie, Standards und den Markt beherrscht.
Genau an diesem Kernpunkt offenbart „Make in Vietnam“ jedoch ein strukturelles Problem: Es bleibt bislang eher ein richtungsweisender Slogan und kein Industriestandard mit klaren Kriterien und spezifischen Benchmarks.
Die Ziele von „Make in Vietnam“ sind richtig: Steigerung der inländischen Wertschöpfung, Verbesserung der Arbeitsproduktivität, Förderung der technologischen Eigenständigkeit und Bildung einer nationalen Marke.
Allerdings existieren diese Ziele derzeit nur als politische Absichtserklärungen. Es fehlen zentrale Antworten: Was genau bedeutet „Beherrschung“? Wie viel inländische Wertschöpfung ist ausreichend? Und anhand welcher Kriterien lässt sich zwischen Unternehmen unterscheiden, die echten Wert schaffen, und solchen, die nur Etiketten tauschen?
Ohne diese konkreten Inhalte kann „Make in Vietnam“ kaum eine Rolle bei der Steuerung des Investitions- und Innovationsverhaltens vietnamesischer Unternehmen spielen.
Ein Vergleich mit dem Schweizer Modell „Swiss Made“ zeigt einen grundlegenden Unterschied. „Swiss Made“ ist kein Marketing-Slogan, sondern eine gesetzlich geschützte Herkunftsangabe mit strengen quantitativen Kriterien für den Anteil der inländischen Wertschöpfung. Sie definiert Kernprozesse der Technologie, Montage und Endprüfung und ist mit klarer rechtlicher Haftung verbunden.
Dadurch wird „Swiss Made“ zu einem nationalen Qualitätsversprechen und genießt weltweit hohes Vertrauen, was Produkte mit diesem Label deutlich aufwertet.
Länder wie Deutschland mit „Made in Germany/German Engineering“ oder Japan mit der Philosophie „Monozukuri – Japan Quality“ bauen zwar keine nationale Herkunftskennzeichnung wie die Schweiz auf, etablieren aber globale Glaubwürdigkeit durch strenge technische Standards, Qualitätsdisziplin in der Produktion und hohe rechtliche Haftungsvorgaben.
Die vor Jahrzehnten gestartete „Make in India“-Strategie Indiens konzentriert sich dagegen auf die Ausweitung der Produktionskapazitäten, die Anziehung von FDI und Importersatz durch Anreizmechanismen – nicht auf den Aufbau von Herkunfts- und Qualitätsstandards für einen „Premium“-Preis.
Dieser Ansatz kann in Maßstab und Produktionskapazität erfolgreich sein, begrenzt aber gleichzeitig die Fähigkeit, eine nationale Marke auf Basis von Qualität und hoher Wertschöpfung zu formen.
Das Problem von „Make in Vietnam“ ist, dass es an spezifischen Kriterien mangelt und unklar ist, welchem Modell es folgen will.
Vietnam verfügt noch nicht über ausreichende industrielle Kapazitäten, um im Maßstab mit Indien zu konkurrieren. Es hat auch noch kein stark genuges industrielles Ökosystem und Rechtsrahmen aufgebaut, um Glaubwürdigkeit wie Deutschland oder Japan zu erlangen – ganz zu schweigen von den streng kodifizierten Herkunftsstandards der Schweiz.
Damit „Make in Vietnam“ wirklich wirksam wird, muss es auf drei Kernpfeilern neu aufgesetzt werden:
- Wertschöpfung: Klare Definition des im Inland geschaffenen Wertanteils, differenziert nach Branche und Technologieniveau – nicht nur nach dem Montageort.
- Beherrschung der Kernprozesse: Dazu gehören Design, Basistechnologie, Steuerungssoftware und geistige Eigentumsrechte.
- Qualität und Standards: Produkte müssen technische, ökologische und Sicherheitsstandards erfüllen, die mit den Zielmärkten kompatibel sind, nicht nur mit heimischen Normen.
Auf dieser Basis muss „Make in Vietnam“ an einen transparenten und glaubwürdigen Zertifizierungsmechanismus geknüpft werden, anstatt Unternehmen eine Eigenkennzeichnung zu erlauben.
Noch wichtiger: Die Zertifizierung muss mit wirtschaftlichen Anreizen verbunden sein, wie Priorität bei öffentlichen Aufträgen, F&E-Förderung, vergünstigten Krediten oder Handelsförderung.
Würde „Make in Vietnam“ in Richtung Standardisierung restrukturiert, könnte es zu einem wichtigen industriepolitischen Instrument werden. Es könnte helfen, Ressourcen zu koordinieren, die Kompetenz von Unternehmen zu steigern und Vietnam schrittweise in der globalen Wertschöpfungskette zu positionieren.